Bestattung im Wandel

Die Bestattungskultur unterliegt bedingt durch verschiedene Koordinaten einem massiven Wandel. Dabei spielen die rein technischen Möglichkeiten eine bedeutende Rolle.

Es ist eine unabdingbare Tatsache, dass ein verstorbener Mensch beigesetzt werden muss. Die Art und Weise wie dies geschehen kann, hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. War es vornehmlich die Erdbestattung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, so kam immer mehr die Feuerbestattung als Alternative hinzu (auch für Katholiken seit den 60er Jahren!). Heute sind es im Schnitt die Hälfte aller Beisetzungen, die als Kremierungen vorgenommen werden; in manchen Regionen Deutschlands sind es mittlerweile mehr als 2/3 aller Bestattungen. Und auch hier werden nicht alle traditionell auf klassischen Friedhöfen beerdigt, denn ein Vielzahl von Möglichkeiten haben sich hier in den letzten 20 Jahren aufgetan: See- und Waldbestattungen, Verstreuungen, Diamantpressungen u.v.m.

Warum, mag man jetzt fragen, haben die Menschen selbst hier den Wunsch nach Veränderungen? Waren die alten Formen zu starr, zu unflexibel? Der Friedhof als konkreter Ort der Trauer ist nicht mehr für alle eine Notwendigkeit. Trauer kann auch an anderer Stelle stattfinden (atopische Trauer), sie ist für viele nicht gebunden an einen Friedhof. Zudem wird unsere Gesellschaft zunehmend beweglicher; es ist nicht normal, dass man mit der ganzen Familie am Geburtsort lebt und somit Familiengräber besuchen und pflegen kann. Distanzen über mehrere hundert Kilometer machen es unmöglich, persönlich ein Grab dauerhaft zu betreuen.

Ein weiterer Faktor, der bei der Wandeldiskussion oft vergessen wird, ist die finanzielle Seite. Immer mehr Menschen haben als Bestattungsverpflichtete (Eltern, Kinder, Geschwister, Enkel und Großeltern) keine ausreichenden Mittel, eine sog. „standesgemäße“ Beisetzung vorzunehmen. Leider entledigen sich manche Angehörige ihrer Verpflichtung und lassen die Beisetzung vom Ordnungsamt vornehmen (in Köln ca. 700 p.a.); andere machen von ihrem Recht Gebrauch, eine Bestattungskostenbeihilfe über das Sozialamt in Anspruch zu nehmen. Für alle anderen kann eine Verabschiedung ohne Absicherung zu einer schmerzlichen finanziellen Belastung werden. All diese Faktoren haben in den letzten Jahren dazu geführt, dass eine „Reduktion der Friedhofskultur“ stattfindet. Die Gräber und damit die Friedhöfe werden über die kommenden Jahre kleiner, Grabaufbauten wie Steine verlieren oft ihre individuelle Gestaltung und besonders ihre religiöse Symbolik und die Zahl von anonymen oder teilanonymen Bestattungen steigt aus diversen Gründen drastisch an.

Viele gesellschaftliche Gruppen haben sich in den letzten Jahren intensiv mit dieser Problematik auseinander gesetzt. Alternativmodelle sind so entstanden, die einen „Entsorgungstrend“ aufhalten wollen. Dazu gehören angedachte Kolumbarien, Waldbestattungen, Bestattungsgärten und pflegeerleichterte Grabstellen. Auch wenn es den Kirchen in offiziellen Papieren stets ein Anliegen war, die Bestattungskultur aufrecht zu erhalten, so hat sie sich m.E. in der Diskussion und konkreten Gestaltung zu sehr zurück gehalten. Auch die individuelle Betreuung von Angehörigen wurden neben den anderen Kasualien (Hochzeit und Taufe) zu einer nicht immer leistbaren Aufgabe für die Seelsorgenden. Die Christen haben sich so ein Stück ihrer alten gewachsenen Kultur aus den Händen nehmen lassen. Moslems und Juden dagegen haben sich im neuen Bestattungsgesetz von 2003 eher mehr Rechte zubilligen lassen. Hier müssen sich gläubige Christen die Frage gefallen lassen: Was ist Bestattungskultur für mich und was ist sie mir wert? Der Verstorbenen – wie auch immer zu gedenken – hat einen ganz besonderen, ja unverzichtbaren Wert.

Ein Artikel von von Brian Müschenborn, Theologe und Bestatter, erschienen 2010 in Lebendige Seelsorge